
Spekulativ ließe sich denken, dass Shiva und Dionysos nicht nur ähnliche Götter darstellen, sondern zwei spätere Ausprägungen eines sehr alten ekstatischen Kultes sind. Sein Ursprung könnte in der Welt der Induskultur gelegen haben: ein Kult von Tanz, Rausch, Tiermacht, Fruchtbarkeit, Tod und Wiedergeburt. Von dort hätte er sich entlang früher Handels- und Wanderwege nach Westen bewegt – durch Iran, Mesopotamien und Anatolien bis in die ägäische Welt. In Indien wäre aus diesem Ursprungskult später Shiva hervorgegangen: der wilde Herr der Tiere, Tänzer, Asket und Zerstörer-Erneuerer. In der ägäischen und griechischen Welt hätte derselbe Kult, verwandelt durch minoische und hellenische Formen, die Gestalt des Dionysos angenommen: der fremde Gott des Weins, der Ekstase, der zerrissenen Ordnung und der Wiederkehr des Lebens.
Diese Verbindung ist nicht historisch bewiesen, aber als bewusste Spekulation plausibel spielbar: Shiva und Dionysos wären dann keine zufällig ähnlichen Götter, sondern entfernte Verwandte — zwei kulturell verwandelte Nachfahren eines älteren südöstlichen Mysteriengottes.