Das Alte Volk

Im tiefen Osten, wo die Flüsse träge wie große Schlangen durch das Land ziehen, lebt das Alte Volk: ein Volk mächtiger Weisheit, hoher Türme und alter Mauern, älter als viele Lieder des Westens.
Sie sagen, ihre Ahnen seien dem Meer entstiegen, nachdem die große Flut das erste Land verschlungen hatte. Aus Schlamm und Erinnerung bauten sie ihre Städte neu: Stein auf Stein, Wort auf Wort.
Ihre Priester kennen den Lauf der Sterne und das Gewicht der Namen. Ihre Schreiber bannen den Atem der Götter in Tafeln aus Lehm. Doch ihre Wege sind verschlungen wie ihre Kanäle, und wer mit ihnen handelt, verliert leicht das Maß zwischen Gabe und Preis.
Über allem steht ihre Göttin, die mächtige Herrin des Ostens. Sie hütet das Wasser des Lebens. Ihr Tempel ist Quelle und Spiegel zugleich: Wer hineinsieht, erkennt die Grenze zwischen Traum und Erinnerung.
Das Alte Volk weiß viel, aber nicht, wie man vergisst. Darum liegt über seinen Städten ein Glanz aus Wissen — und ein Schatten aus Müdigkeit.
Die Sonnensöhne

Aus den warmen Hügeln des Südens stiegen die Sonnensöhne empor: ein Zweig desselben alten Stammes, aus dessen Urheimat auch die Wanderer kamen. Sie nahmen nur einen anderen Weg, westwärts entlang fruchtbarer Täler und offener Ebenen, bis sie in ein Land gelangten, das vom Licht geprägt ist.
Auch sie trafen auf alteingesessene Wächter. Mit der Zeit mischten sich Sippen, Rituale und Sagen. Aus dieser Verbindung wuchs ein neues Volk, geprägt von Sonne, Ordnung und einer Sprache, die den Klang der Wanderer bewahrte, aber schwerer, tiefer und voller Dialekt wurde.
Neben den Geistern des Landes verehren sie den eifersüchtigen Sonnengott, den Herrn des klaren Blicks, der Maß und Richtung gibt. Auch den Donnerer rufen sie an. Sein Name ist derselbe wie im Norden, doch sie sprechen ihn anders aus: rauer, mit einem Hall aus Fels und Meer.
Ihr Glaube ist fest wie ein Pfeiler im Wind: keine Verzückung, kein Rausch, sondern ein ruhiger, strenger Kult, der Licht von Schatten trennt.
Mit ihnen kam das Handwerk des Südens und Westens: Ton wird geformt, Bronze gebändigt, Felder werden gegliedert und Wasser abgeleitet. Wo sie siedeln, riecht die Luft nach Olivenholz, Lehm und dem feinen Staub ihrer Terrassen. Ihre Häuser stehen nicht verstreut, sondern geordnet, als wollten sie der Landschaft selbst eine Linie geben.
Sie achten Herkunft, Gesetz und das Wort, das unter der Sonne gesprochen wird. Ihr Rat geschieht im Schatten einer Säule, ihr Eid im vollen Glanz des Mittags. Standfestigkeit ist ihr Wesen, das Maß ihr Werkzeug und der Himmel ihr Zeuge.
Heute herrschen die Sonnensöhne über die weiten Länder des Westens, wo fruchtbare Felder und steinerne Höhen einander ablösen: ein Reich des Lichts, das Ordnung ausstrahlt wie sein Gott.
Von Wächtern und Wanderern
Die Alten erzählen: Als die Welt jung war, traten zwei Geister aus der Tiefe — die Quellenfrau, kühl und sanft, und der große Feuergeist, heiß und grollend. Sie hielten das Gleichgewicht: Wasser und Glut, Lied und Schweigen, Wachsen und Vergehen.
Doch der Feuergeist wurde zornig. Niemand weiß, warum. Sein heißer Atem rollte über die Große Steppe im Norden, verbrannte die Wurzeln, trieb das Wasser fort, und das Land wurde karg und stumm.
Die Wanderer, das Volk der offenen Weite, litten. Ihre Prophetin Wildwasser träumte von der Quellenfrau. Sie rief sie nach Süden und sagte: „Kommt, bevor alles stumm wird.“ Und so brachen sie auf. Nicht aus Gier, sondern aus Not.
Nach langer Reise fanden die Wanderer das Land in den Hügeln. Dort lebten die Wächter: schweigsam, tief verwurzelt, seit Urzeiten verschmolzen mit Quelle und Stein. Die Wächter prüften die Fremden, doch diese kamen mit leeren Händen und Liedern vom weiten Himmel.
In jener Nacht sang die Quelle laut. So wurde der Bund geschlossen.
Seitdem leben die Kinder der Wanderer und der Stillen im selben Land. Sie trinken, wachen und hüten die Quelle.
Die Wächter

Seit Menschengedenken leben die Wächter im Land in den Hügeln. Sie sind Ackerleute und Handwerker, Kinder des Steins und des Wassers. Ihre Häuser stehen dicht an dicht aus Lehmziegeln und schwarzem Basalt, mit flachen Dächern und Vorratsgruben darunter.
Sie leben vom Korn, nicht vom Metall. Ihre Felder folgen dem Rhythmus der Quelle, und jedes Frühjahr erneuern sie das Wasseropfer am Becken von Nebelhöh. Dort sprechen sie die alten Worte — nicht zu den Göttern, sondern zum Land selbst.
Die Quellenfrau ist Ursprung und Maß ihres Lebens. Ihr Wasser ist nicht Symbol, sondern Nahrung. Wenn es versiegt, schweigen selbst die Alten.
Die Wächter meiden Streit, halten an Ritus und Abfolge fest und misstrauen allem, was neu klingt. Fremde erkennen sie an ihren grauen Händen, dem Geruch von Erde und Asche — und an dem schmalen Tonamulett, das sie um den Hals tragen: drei Linien für das fließende Wasser.
Die Wanderer

Aus den weiten Steppen des Nordens kamen die Wanderer: mit ihren Herden, ihren schweren Wagen aus Holz und Leder, gezogen von Ochsen, und mit einem neuen Tier, schneller und wilder als jedes andere: dem Pferd.
Es war ihnen kein bloßes Nutztier, sondern heilig — Sinnbild des Himmels und Begleiter des Sturmgottes. Doch die kühnsten ihrer Krieger schwangen sich auf den Rücken ihrer Rösser und flogen über Hügel und Ebenen.
Sie verehren den Donnerer, den Herrn des Himmels, der mit seiner Axt den Drachen erschlägt und den Regen bringt, und seine Gefährtin, die Sonnenfrau, deren Licht jeden Tag neu geboren wird. Ihr Glaube ist laut und klar wie ein Gewitter über der Steppe.
Mit ihnen kam das eherne Metall, aus Feuer geboren. Ihre Schmiede schmolzen Bronze, gossen Streitäxte, Speere, Dolche und Schwerter: Werkzeuge, die zugleich Macht und Gefahr bedeuten. Wo sie lagern, riecht die Luft nach Rauch, Fett und Erz.
Sie achten Mut, Treue und das gesprochene Wort. Ihr Rat geschieht am Feuer, ihr Eid unter freiem Himmel. Bewegung ist ihr Wesen, das Pferd ihr Stolz, der Himmel ihr Dach.
Als sie in das Land der Hügel kamen, trafen sie auf die stillen Hüter der Quelle. Zuerst trennten sie Misstrauen und Sprache, dann verband sie Not und Neugier. Die Wächter gaben den Wanderern Wurzeln. Die Wanderer brachten den Wächtern Bewegung.
So kam das Pferd in die Berge — und mit ihm das Donnern des Himmels. Seitdem leben Feuer, Erde, Wasser und Luft im selben Land.